[SCHREIBEN] Die große Banalität der Happy Ends.

Sonntag, 1. Oktober 2017
Hallo, ihr Lieben.

Wie ihr jetzt alle schon erfahren habt, sind wir Schreiberlinge, bin ich ein Schreibling, eine Autorin, eine Schriftstellerin, eine Geschichtenerzählerin - nennt es, wie immer ihr es nennen wollt. Ich verbringe einen Großteil meiner Zeit damit, mir Geschichten auszudenken, und einen mindestens genauso großen Teil meiner Zeit damit, sie anschließend aufzuschreiben.

Und eine gute Geschichte hat - wer wisse das nicht? - Anfang, Hauptteil und Schluss. Darauf läuft es immer wieder hinaus. Klar, manchmal gibt man all dem andere Namen - Exposition, steigende Handlung, Peripetie, fallende Handlung, Katastrophe oder Erster, Zweiter, Dritter Akt oder etwas ähnlich elitär Anmutendes, das zwar spannender klingt, gewisse Dinge auch spezifischer bezeichnet, sich aber mit Leichtigkeit herunterbrechen lässt auf: Anfang, Hauptteil, Schluss.

Nun haben sicher alle von euch, die selbst Geschichten erzählen oder sie auf eine so intensive Weise konsumieren, dass sie sich mit ihrer Gemachtheit auseinander setzen, schon mal von dem großen Fluch des ersten Satzes gehört. Er soll packen. Die Quintessenz des Romans beinhalten. Ehrlich präsentieren, was den Leser für den Rest der Geschichte erwartet. Und natürlich: Der erste Eindruck zählt, in Geschichten wie überall sonst auch. Aber es ist nicht das Einzige, was zählt, und es ist auch nicht das Einzige, was knifflig ist.

Knifflig sind auch Enden.

Und wieso? Weil Enden eine Antwort formulieren müssen.

Und wieso müssen sie das?

Nun, weil die allerallerallermeisten Geschichten Fragen stellen.
Kommt Person A mit Person B zusammen? Kann Person C überwinden, was Person D ihr in der Vergangenheit angetan hat? Ist die Liebe zu Person E das Wichtigste im Leben von Person F? Ist Person G in der Lage, seine Sucht zu überwinden? Schafft Person H es, die Welt zu retten? Ist Organisation I wirklich der Bösewicht? Und was hat Love Interest J damit zu tun? Kann Vampir K ein Kind zeugen und was für ein Kind ist das dann? Gelingt es Person L die Bombe rechtzeitig zu entschärfen? Findet Person M den Mörder, bevor er sein nächstes Opfer zur Strecke bringt? Kann Person N den perfekten Geruch aus rothaarigen Mädchenkörper destillieren und zu einem erhabenen Parfüm kombinieren?

Und das ist bloß die Handlungsebene.

Dann gibt es noch Fragen wie: Ist Liebe größer als alles andere? Zählt Freiheit mehr als Sicherheit? Kann man einen anderen Menschen retten? Ist Politik nur eine große Inszenierung? Heilt Vergebung denjenigen, dem vergeben wird, oder denjenigen, der vergibt? Kann ein Kind seine Familie retten? Sollte ein Kind seine Familie retten müssen? Was braucht es, damit wir einsehen, dass alle Menschen gleich viel wert sind? Und so weiter und so fort...

Aber ihr versteht, was ich meine.
Enden sind wichtig, weil sie die Aussage einer Geschichte festlegen. Weil sie die Antwort geben.

Wenn wir es uns nochmal einfach machen wollen:
Der Anfang einer Geschichte stellt die Frage.
Der Hauptteil legt die Argumentation dar, die erklärt oder rechtfertigt oder verdammt.
Und das Ende beantwortet unsere Frage.

Ein Beispiel.

Anfang: Luisa findet heraus, dass Maxi sie betrogen hat. Sie verlässt sie. Aber Maxi liebt sie noch immer. Kann Luisa Maxi den Betrug verzeihen?

Hauptteil:
Denn Maxi hatte gute Gründe, Luisa zu betrügen. Findet Maxi. Denn Eddie, Luisas Exfreund, hat ihr gedroht, ein Sextape zu veröffentlichen, das Luisa und er einst gedreht haben, wenn sie und Luisa sich nicht trennen (natürlich ohne dass Luisa etwas von Eddies Involvierung erfährt). Nun liebt Maxi Luisa ziemlich und hat eine ganz schreckliche Vergangenheit, in der sie sich oft darüber ausgezeichnet hat, die Menschen, die ihr gut tun, weit, weit, weit von sich weg zu stoßen. Luisa weiß das und hat deshalb auf die ersten Versuche einer Trennung mit ganz viel Herzensgüte und Freundlichkeit reagiert, Maxi ausgeredet, dass das der einzige Weg ist, und ihr eingeredet, dass sie Liebe verdient hat. Und, man, Maxi liebt Luisa dafür. So sehr. Wie könnte sie ihr das Herz brechen? Aber Eddie hat das Level der Bedrohlichkeit hochgeschraubt: Er hat Maxi das Video sehen lassen und zwar, indem er ihr eine Kopie des Originals zugeschickt hat. Mehrere Versionen eines solchen Videos bedeuten Macht, vor allem, weil Luisa gerade erst einen neuen Job begonnen hat und die Gesellschaft ganz dumm auf weibliche Sexualität reagiert. Maxi hat also verstanden, dass sie etwas tun muss.
Sie hat die schlimmste Sache gemacht, die sie sich vorstellen konnte - und Luisas Vertrauen missbraucht, dabei war Maxi diejenige, die Luisa damals geholfen hat, über den Vertrauensbruch einer Kindergartenfreundin hinweg zu kommen und weiß, wie schwer das Luisa getroffen haben muss und dass das zu den einzigen Dingen gehört, die Luisa ihr nie vergeben würde.

Eddie versucht jetzt, sich Luisa wieder zu nähern, und gibt sich als von allen früheren Fehltaten geläutert aus, was Maxi aber nicht zulassen kann, denn sie kennt die hinterhältige, gemeine Wahrheit. Also fädelt sie einen anonymen Schutzengel ein, der Luisa immer wieder vor Eddie warnt und praktisch eine Schnitzeljagd organisiert, mit Hinweisen und Spuren, die Luisa selbst dazu befähigen, die Wahrheit herauszufinden. Maxi denkt nämlich, dass Luisa ihr niemals glauben würde, immerhin hat sie ihr das Herz gebrochen.

Es kommt, wie's kommen muss: Luisa findet raus, dass Maxi hinter dem Schutzengel steht, und auch, welche Rolle Eddie in Maxis Betrug gespielt hat. Man kommt dem großen Problem auf die Spur: Es wurde nicht angemessen, rechtzeitig, ehrlich genug kommuniziert. Luisa hätte selbst ein Recht gehabt, zu entscheiden, wie sie mit der Drohung eines Sexvideos umgehen will. Findet Luisa.

Nun das große Finale, die Antwort, auf die wir alle warten: Kann Luisa Maxis Betrug entschuldigen, nachdem sie die ganze Wahrheit kennt? Oder kann sie es nicht?


Persönlich denke ich, dass man in beide Richtungen argumentieren kann, wenn man denn möchte. Das kommt alles sehr auf die Charakterisierung unsere Hauptfiguren an. Wie tief sitzt der Schmerz? Wie hilflos glaubte Maxi sich wirklich? Wie groß ist diese große Liebe? Alles durchaus schwierige Fragen, weil menschliches Miteinander und Liebe sich durch besondere Komplexität auszeichnen. (Wer behauptet, Liebe mache Dinge einfach, hat ein anderes Gefühl empfunden als ich.)
Egal, welches Ende man dieser Geschichte aber gibt, es kann nicht von vorne herein feststehen.

Mir persönlich war auch lange Zeit nicht klar, dass es Genre gibt, die dir die Antworten der Bücher, die sie hervorbringen, vorwegnehmen, aber als ich Ende Mai auf der Loveletter Convention war (auf der auch die Idee zu diesem Blog entstanden ist), wurde ich eines Besseren belehrt.

Anscheinend gibt es ein eingeschworenes Liebesromanpublikum, das von einem Liebesroman nicht bloß erwartet, dass er eine Geschichte über (romantische) Liebe ist, sondern auch, dass er damit endet, dass das Pärchen sich bekommt.

Ich möchte natürlich niemandem seine Lesegewohnheiten vorschreiben und ich möchte auch niemanden dafür bloß stellen, dass er gerne Happy Ends liest. Man, Geschichten, die gut ausgehen, machen uns alle glücklich. Gerade, wenn man zweihundert, dreihundert, vierhundert Seiten mitgefiebert hat, ob die beiden Hauptfiguren es miteinander schaffen!

Aber mir leuchtet nicht ein, weshalb ich mitfiebern sollte, wenn ich doch weiß, dass die beiden sich bekommen müssen. Egal, was für eine Scheiße Maxi damit gebaut hat, Luisa nichts zu erzählen, egal, wie sehr sie Luisa verletzt hat, indem sie sie betrogen und belogen hat: ich weiß zu jedem Zeitpunkt der Geschichte, dass Luisa ihr verzeihen muss, denn am Ende steht ja der große Kuss.

Nimmt das der Geschichte nicht alle Spannung? Und nimmt das der Geschichte nicht auch alle Aussage? Wenn nichts auf dem Spiel steht, welche Relevanz haben die Entscheidungen der Charaktere denn? Wenn es für Maxi gar nicht möglich ist, darin zu scheitern, Luisa vor Eddie zu bewahren und sie damit "zurückzugewinnen", warum verfolge ich dann ihre Versuche über hunderte von Seiten? Warum interessieren mich dann ihre Gründe? Warum sollte ich versuchen, zu verstehen?

Oder geh ich das Ganze schon falsch an?

Ich meine, ich verstehe, dass man Go-To-Bücher, -filme, -musik hat, die man hört, wenn man in der Stimmung für die ganz großen Gefühle ist, die auf dem Papier/Bildschirm/der Platte anfangen, aber im eigenen Herz weiter bestehen. Das hat auch alle seine Erlaubnis und es wird solche Bücher und Filme und Songs immer geben. Das will ich auch gar nicht ändern.
Aber selbst ein Nicholas Sparks hat Bücher, die nicht in diesem Sinne »gut« ausgehen.
Als einer der prominentesten Liebesromanautoren, die ich bislang so gelesen habe, bietet er uns komplexe Charaktere, stellt diese Charaktere vor ein Problem und lässt sie damit umgehen. Und am Ende setzt er ein Fazit unter ihre Bemühungen. Dieses Fazit entwickelt sich aus der Geschichte (und ist, in dem Fall, an den ich denke, durchaus logisch und akzeptabel!), aber es ist nicht gleich bedeutend mit einer Beziehung zwischen den Hauptfiguren.

Und trotzdem hab ich einen Liebesroman gelesen, der (romantische) Liebe zum Thema hatte und von ganz, ganz, ganz großen Gefühlen gesprochen hat, die ich mir von den Charakteren ausgeborgt und für den Rest der Lektüre in meinem Herzen getragen habe. Tatsächlich waren die Charaktere am Ende sogar glücklich - getrennt, ja, aber glücklich.

Das heißt: Auch ein Liebesroman, dessen Prämisse immer die Frage stellt, ob die Hauptfiguren zusammenkommen, kann ein Happy End haben, ohne dass es am Ende eine Beziehung steht. Wenn es nämlich noch eine andere Frage gibt, die es am Ende des Romans zu beantworten gilt. Etwa »Gelingt es Maxi Luisa vor Eddie zu warnen?« oder »Lernt Maxi ehrlich kommunizieren und kann Luisa die Wahrheit sagen, ohne sich als anonymer Schutzengel auszugeben?«.

Wenn es entsprechend also ein gutes Ende gibt im Sinne von »ein Ende, das gut zur Geschichte passt«.

Ein solches gutes Ende, also eines, das sich aus der jeweiligen Argumentation (Hauptteil) der Geschichte ergibt, das also spezifisch nur auf diese beiden Figuren passt, wäre für mich eine viel sinnigere Genrevorgabe, egal in welcher Ausprägung, ob nun erfolgsgekrönt oder gescheitert, als ein erzwungenes Beziehungshoch.

Denn sagen wir mal, die Frage des Romans sei: Kann meine Hauptfigur ihrem Love Interest verzeihen, dass er sie entführt, gefoltert oder vergewaltigt hat?, dann wäre ich sehr dafür, dass das Happy End darin besteht, dass meine Hauptfigur eine gute Therapie beginnt oder den Wahnsinn überlebt, aber nicht darin, dass sie sich während dieser Tortur in ihren Peiniger verliebt und er sich ebenfalls in sie verliebt, weil sie ja so schön ist, wenn sie weint, fleht oder unter seinen Händen um Hilfe schreit. Aufgrund dieser Liebe wird dann aller Schmerz, alles Trauma, alles Üble konsequenzlos vergeben und überwunden. Schwierig...

Verzeiht den drastischen Vergleich, aber ich denke, gerade der macht meinen Punkt deutlich, denn solche Geschichten erhalten dank des Trends Dark Romance gerade Einzug ins Liebesromangenre.

Deshalb mein Appell an alle Autor*innen dort draußen, die überlegen, im Romance/Liebesroman-Genre zu schreiben:

Schreibt Geschichten über Liebe, die komplexe Fragen stellen und interessante Argumentationen präsentieren, und entwickelt aus diesen Argumentationen euer Ende, anstatt euch dafür an Genrevorgaben zu orientieren, die für eure Geschichten über Liebe vielleicht gar keinen Sinn ergeben (oder fiese Implikationen haben).
Ich werde es ebenfalls so handhaben und gemeinsam können wir Liebe dann auch zu einem Motiv machen, das in der Literatur Berechtigung hat, weil sie in all ihren Facetten und mit all ihren Ausprägungen unser aller Leben prägt, und nicht, weil wir uns angeblich nach einem langen Arbeitstag nur dann ertragen, wenn man uns zusichert, dass wir unsere Lesezeit in ein Happy End im ursprünglichen Sinne investieren (und wir uns dafür dann auch noch als Fans von Kitsch verhöhnen lassen müssen).

Für die Leser*innen gilt natürlich genau das gleiche: Lest Bücher über Liebe, bitte! Und zelebriert sie als solche, wenn sie ein Ende haben, das eurer Meinung nach gut zur Geschichte passt, sei das als Happy End oder als ein etwas traurigeres Ende. Liebe steht im Zentrum so vieler spannender, komplexer Geschichten. Ein Interesse an diesem Gefühl müssen wir uns nicht als Schwäche auslegen lassen, nur weil wir uns angeblich vor den großen Fragen fürchten und alles auf die Beziehung der Hauptfiguren herunterbrechen.
Und wenn euch das alles nicht überzeugen konnte, haltet es doch wenigstens mit Doctor Who:

[Doctor Who Zitat, dieses Design von behappy.me]
Macht was draus, macht was richtig Gutes draus, ihr Tollen.
In aller Liebe,
eure Kira
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